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Wenn der Klick verschwindet: Wie KI unsere Informationsvielfalt gefährdet

Alexander Busse·15. Februar 2026
Wenn der Klick verschwindet: Wie KI unsere Informationsvielfalt gefährdet

Wenn der Klick verschwindet: Wie KI unsere Informationsvielfalt gefährdet

Das Problem ist nicht die Künstliche Intelligenz selbst. Das Problem ist ein schleichendes Phänomen, das viele zunächst für ein reines Medienproblem halten: Der Klick verschwindet. Und damit verschwindet auch die Grundlage für vielfältige, qualitativ hochwertige Informationen, auf die Unternehmen ihre strategischen Entscheidungen stützen.

Was gerade passiert, ist mehr als ein Strukturwandel in der Medienlandschaft. Es ist ein massives Geschäftsrisiko für den Mittelstand, das in der strategischen Planung noch viel zu wenig Beachtung findet.

Die Zahlen lügen nicht: Das "Rest of the Web" stirbt

Ein besonders harter Indikator für diese Entwicklung findet sich in den aktuellen Quartalszahlen von Google. Während Cloud-Services um beeindruckende +48% wachsen und das Suchgeschäft um +18% zulegt, schrumpft das "Google Network" (Werbung auf fremden Websites) nun schon seit 14 Quartalen kontinuierlich. Im letzten Quartal betrug der Rückgang erneut -2%.

Diese Entwicklung ist kein statistischer Ausreißer. Sie zeigt einen fundamentalen Wandel: Das, was man als "Rest of the Web" bezeichnen könnte, also die Vielfalt unabhängiger Websites, Fachportale und Nischenangebote, verliert massiv an wirtschaftlicher Grundlage.

Warum das für Ihre Digitalstrategie gefährlich ist

1. Plattformrisiko: Die Quellen verlieren Traffic

Die Mechanik ist einfach, aber brutal: Wenn Nutzer ihre Antworten direkt bei Google, ChatGPT oder anderen KI-Plattformen erhalten, klicken sie nicht mehr auf die ursprünglichen Quellen. Google's Search Generative Experience (SGE) und ähnliche Funktionen liefern Zusammenfassungen direkt in den Suchergebnissen. Das ist praktisch für den Nutzer, aber fatal für die Content-Ersteller.

Ohne Klicks kein Traffic. Ohne Traffic keine Werbeeinnahmen. Ohne Einnahmen keine wirtschaftliche Grundlage für die Erstellung hochwertiger Inhalte. Die Quellen, die bisher Fachexpertise und spezialisiertes Wissen bereitgestellt haben, verlieren ihre Geschäftsgrundlage.

Für Ihr Unternehmen bedeutet das: Die Informationsquellen, auf die Sie sich bisher verlassen haben, könnten in wenigen Jahren nicht mehr existieren oder nur noch in stark reduzierter Form.

2. Qualitätsverlust: Nischenexpertise stirbt aus

Besonders betroffen sind spezialisierte Fachangebote und unabhängige Redaktionen. Gerade diese Nischenquellen sind aber häufig diejenigen, die wirklich tiefgehendes, branchenspezifisches Wissen bereitstellen. Mainstream-Informationen sind reichlich vorhanden, aber spezialisierte B2B-Expertise lebt von Monetarisierungsmodellen, die auf Traffic basieren.

Wenn diese Quellen wegbrechen, verlieren Entscheider im Mittelstand Zugang zu präzisen, kontextreichen Informationen, die für fundierte Geschäftsentscheidungen unverzichtbar sind. Die verbleibenden Informationen werden oberflächlicher, generischer und weniger nützlich für spezifische Branchen-Herausforderungen.

3. Der Teufelskreis: KI untergräbt ihre eigene Basis

Hier liegt die Ironie: KI-Modelle trainieren auf genau den Inhalten, denen sie gleichzeitig die Lebensgrundlage entziehen. Large Language Models wie ChatGPT, Claude oder Google's Gemini basieren auf riesigen Textkorpora aus dem Internet. Wenn die Vielfalt und Qualität dieser Quellen abnimmt, wird auch die Qualität zukünftiger KI-Modelle leiden.

Weniger spezialisierte Quellen bedeuten:

  • Weniger Diversität in den Trainingsdaten
  • Mehr Bias durch Überrepräsentation weniger Mainstream-Quellen
  • Schlechtere Fähigkeit, Nischenthemen zu verstehen
  • Höheres Risiko für Fehlinformationen

Lieferkettenrisiko für Informationen: Eine unterschätzte Gefahr

Meine zentrale These: Dies ist kein reines Medienthema. Es ist ein Lieferketten-Risiko für Informationen.

Genau wie Unternehmen in den letzten Jahren gelernt haben, dass die Abhängigkeit von einzelnen Lieferanten oder Regionen gefährlich ist, müssen wir verstehen: Informationsversorgung braucht Diversität.

Wenn Sie sich zunehmend auf wenige "Single Points of Failure" in Ihrer Informationsbeschaffung verlassen (Google, ChatGPT, wenige große Plattformen), entsteht ein strategisches Risiko:

  • Echoraum-Effekt: Ihre Datengrundlage für Entscheidungen wird einseitig
  • Qualitätsverlust: Oberflächliche Informationen statt tiefgehender Analyse
  • Abhängigkeit: Sie sind dem Geschäftsmodell weniger Plattformen ausgeliefert
  • Blinde Flecken: Nischenthemen und Spezialwissen werden unsichtbar

Praktische Handlungsempfehlungen für den Mittelstand

1. Informations-Governance etablieren

Implementieren Sie klare Regeln, wie Informationen im Unternehmen beschafft und validiert werden:

  • Definieren Sie vertrauenswürdige Primärquellen für Ihre Branche
  • Fordern Sie Mehrfachquellen-Checks für wichtige Entscheidungen
  • Dokumentieren Sie, woher strategisch relevante Informationen stammen

2. Kritisches KI-Nutzungsverhalten fördern

Sensibilisieren Sie Ihre Teams:

  • KI-Snippets sind ein Startpunkt, keine vollständige Antwort
  • Hinterfragen Sie generierte Inhalte: Woher stammen die Informationen?
  • Fördern Sie den Besuch von Originalquellen, nicht nur Zusammenfassungen

3. Vielfältige Informationsquellen aktiv pflegen

Investieren Sie bewusst in Informationsvielfalt:

  • Pflegen Sie Abonnements für Fachmedien und spezialisierte Angebote
  • Besuchen Sie Branchenevents und Netzwerke persönlich
  • Bauen Sie direkte Kontakte zu Experten auf
  • Nutzen Sie spezialisierte Datenbanken und Forschungsquellen

4. Eigene Content-Strategie überdenken

Wenn Sie selbst Content erstellen:

  • Setzen Sie auf eigene Kanäle (Newsletter, Community, Plattformen)
  • Reduzieren Sie die Abhängigkeit von organischem Google-Traffic
  • Bauen Sie direkte Beziehungen zu Ihrer Zielgruppe auf

Die Rolle von Governance in der KI-Ära

Dieses Thema ist eng verknüpft mit umfassender KI-Governance und Cyber-Governance. Es geht nicht nur darum, wie Sie KI einsetzen, sondern auch darum, wie Sie sicherstellen, dass Ihre Informationsbasis robust, divers und verlässlich bleibt.

Im Kontext von Risikomanagement gehört die Informationsversorgung zu den kritischen Infrastrukturen eines Unternehmens. Genauso wie Sie Ihre IT-Sicherheit, Ihre Lieferketten und Ihre Compliance-Strukturen bewerten, sollten Sie auch Ihre Informationslieferketten strategisch managen.

Fazit: Handeln Sie jetzt, bevor die Vielfalt verschwindet

Die schleichende Erosion der Informationsvielfalt im Web ist ein strategisches Risiko, das viele Unternehmen noch nicht auf dem Radar haben. Der bequeme KI-Snippet mag praktisch sein, aber er kann nicht die einzige Wahrheit in Ihrem Unternehmen werden.

Drei konkrete Schritte für diese Woche:

  1. Evaluieren Sie, welche Informationsquellen für kritische Geschäftsentscheidungen verwendet werden
  2. Identifizieren Sie Single Points of Failure in Ihrer Informationsbeschaffung
  3. Entwickeln Sie eine Strategie für diversifizierte Informationsquellen

Die Vielfalt des Webs ist keine Selbstverständlichkeit. Sie ist eine Ressource, die aktiv geschützt und gepflegt werden muss. Für Ihr Unternehmen kann das den Unterschied zwischen fundierter Strategie und gefährlichem Echoraum bedeuten.

Wie stellen Sie in Ihrem Unternehmen sicher, dass KI-Antworten nicht zur einzigen Wahrheit werden? Welche Mechanismen nutzen Sie, um Informationsvielfalt zu bewahren?