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The Coming Wave: KI verändert Cybersecurity radikal

Alexander Busse·18. August 2025
The Coming Wave: KI verändert Cybersecurity radikal

Die nächste Welle rollt an: Warum Cybersecurity vor einer Zeitenwende steht

Wir befinden uns an einem kritischen Wendepunkt. Während viele Unternehmen noch damit beschäftigt sind, ihre grundlegenden Sicherheitsstandards zu etablieren, rollt bereits die nächste Welle technologischer Disruption heran. Mustafa Suleyman, Mitgründer von DeepMind und heutiger CEO von Inflection AI, beschreibt in seinem Buch "The Coming Wave" ein Szenario, das jeden Sicherheitsverantwortlichen aufhorchen lassen sollte.

Die zentrale Botschaft: Künstliche Intelligenz und Biotechnologie werden unser Jahrhundert fundamental prägen. Und während die Chancen gigantisch sind, stehen wir gleichzeitig vor beispiellosen Risiken, besonders im Bereich der Cybersicherheit.

Die neue Realität: Angriffe werden schneller, billiger und präziser

Suleymans Analyse macht eines glasklar: Die Zeiten, in denen Cyberangriffe hochspezialisiertes Wissen und erhebliche Ressourcen erforderten, gehen zu Ende. Künstliche Intelligenz demokratisiert die Angriffsfähigkeiten und das hat dramatische Konsequenzen für die Sicherheitslandschaft.

Jede Schwachstelle wird ausgenutzt

In der KI-gestützten Zukunft gibt es keine "unbedeutenden" Sicherheitslücken mehr. Was früher vielleicht als Low-Priority-Schwachstelle durchgehen konnte, wird morgen von automatisierten KI-Systemen identifiziert und binnen Minuten ausgenutzt. Die Angreifer scannen nicht mehr manuell nach Schwachstellen, sondern setzen intelligente Systeme ein, die kontinuierlich nach Einfallstoren suchen.

Die Geschwindigkeit nimmt exponentiell zu

Traditionelle Angriffe folgten einem vorhersehbaren Muster: Aufklärung, Planung, Durchführung. Dieser Zeitrahmen schrumpft dramatisch. KI-gestützte Angriffswerkzeuge können in Echtzeit Schwachstellen identifizieren, Exploits generieren und Angriffe durchführen, bevor menschliche Verteidiger überhaupt reagieren können.

Die Kosten sinken drastisch

Was früher spezialisierte Hacker-Gruppen oder staatliche Akteure erforderte, wird zunehmend zur Commodity. Cybercrime-as-a-Service in Kombination mit KI-Tools senkt die Einstiegshürden massiv. Das bedeutet: Die Anzahl potenzieller Angreifer vervielfacht sich.

Das fundamentale Problem: Angreifer sind immer einen Schritt voraus

Hier liegt eine der unbequemsten Wahrheiten der modernen Cybersecurity: Die Technologie der Angreifer wird immer einen Vorsprung vor unserer Detection & Response haben. Das ist keine pessimistische Schwarzmalerei, sondern eine technologische Realität.

Warum? Weil Angreifer nicht an Compliance-Vorgaben, Budgetzyklen oder Change-Management-Prozesse gebunden sind. Sie können neue Technologien sofort einsetzen, während Verteidiger diese erst verstehen, evaluieren, beschaffen und implementieren müssen.

Die kritische Konsequenz: Prevention wird wichtiger denn je

Wenn wir akzeptieren, dass wir im Wettrüsten der Erkennungstechnologien immer im Nachteil sein werden, bleibt nur ein logischer Schluss: Preventive Maßnahmen müssen absolute Priorität bekommen.

Das bedeutet nicht, dass Detection & Response unwichtig werden. Im Gegenteil: Sie bleiben essentiell. Aber wir können uns nicht mehr darauf verlassen, jeden Angriff rechtzeitig zu erkennen. Stattdessen müssen wir Systeme bauen, die von vornherein resilient gegen Angriffe sind.

Vom Checkbox-Security zu resilienten Systemen

"Gut genug" gibt es im Zeitalter der KI-gestützten Cyberangriffe nicht mehr. Das traditionelle Modell, bei dem Sicherheitsstandards abgehakt und Compliance-Anforderungen erfüllt werden, reicht nicht mehr aus.

Was resiliente Sicherheit bedeutet

Resiliente Systeme zeichnen sich durch mehrere Eigenschaften aus:

1. Defense in Depth: Mehrschichtige Sicherheitsarchitekturen, bei denen das Versagen einer Ebene nicht zum Gesamtausfall führt.

2. Assume Breach: Die Annahme, dass Angreifer bereits im System sind, und entsprechende Segmentierung und Überwachung.

3. Kontinuierliche Verbesserung: Sicherheit ist kein Projekt mit Enddatum, sondern ein kontinuierlicher Prozess.

4. Automatisierung: Wo immer möglich, müssen Sicherheitsprozesse automatisiert werden, um mit der Geschwindigkeit von KI-Angriffen mithalten zu können.

5. Zero Trust: Kein implizites Vertrauen, jede Zugriffsentscheidung wird einzeln und kontextbasiert getroffen.

Praktische Handlungsempfehlungen für Unternehmen

Die Erkenntnisse aus "The Coming Wave" mögen beunruhigend sein, aber sie bieten auch einen klaren Handlungsrahmen:

Sofortmaßnahmen

  1. Schwachstellen-Management radikal beschleunigen: Automatisieren Sie das Patching kritischer Systeme. Was früher 30 Tage dauern durfte, muss jetzt in Stunden geschehen.
  2. Multi-Faktor-Authentifizierung überall: Keine Ausnahmen mehr. Jeder Zugang zu kritischen Systemen muss mehrfach abgesichert sein.
  3. Privilegierte Zugänge strikt limitieren: Implementieren Sie das Principle of Least Privilege konsequent.

Mittelfristige Strategien

  1. Security-by-Design etablieren: Sicherheit muss von Anfang an in jeden Entwicklungsprozess integriert werden, nicht nachträglich hinzugefügt.
  2. Incident Response automatisieren: Nutzen Sie SOAR-Plattformen (Security Orchestration, Automation and Response), um auf Bedrohungen in Echtzeit zu reagieren.
  3. Security Awareness intensivieren: Der Mensch bleibt oft das schwächste Glied. Investieren Sie in kontinuierliche Schulungen.

Langfristige Transformation

  1. KI für die Verteidigung nutzen: Wenn Angreifer KI einsetzen, müssen Verteidiger das auch tun. Investieren Sie in KI-gestützte Sicherheitslösungen.
  2. Resilienz-Tests regelmäßig durchführen: Red-Teaming, Penetrationstests und Chaos-Engineering sollten zur Routine werden.
  3. Sicherheitskultur etablieren: Sicherheit muss Teil der Unternehmens-DNA werden, nicht eine lästige Compliance-Pflicht.

Die unbequeme Frage: Sind Unternehmen bereit?

Hier liegt der Kern des Problems: Die meisten Unternehmen sind nicht bereit für diese drastische Anhebung der Standards. Nicht weil sie es nicht wollen, sondern weil mehrere Faktoren dagegen arbeiten:

Budgetrestriktionen: Sicherheit konkurriert mit anderen Investitionen und verliert oft, solange nichts passiert ist.

Komplexität: Legacy-Systeme lassen sich nicht über Nacht transformieren.

Fehlende Expertise: Qualifizierte Security-Fachkräfte sind Mangelware.

Kurzfristiges Denken: Viele Entscheidungsträger planen in Quartalen, nicht in Jahrzehnten.

Die kritische Frage lautet daher: Wird es erst einen großen Knall brauchen, bevor die notwendigen Investitionen getätigt werden?

NIS2 als Katalysator für Veränderung

Interessanterweise kommt hier die NIS2-Richtlinie ins Spiel. Sie zwingt Unternehmen in kritischen Sektoren, ihre Sicherheitsstandards drastisch anzuheben. Was Suleyman als technologische Notwendigkeit beschreibt, wird durch NIS2 zur rechtlichen Pflicht.

Die Kombination aus technologischer Bedrohung und regulatorischem Druck könnte der Katalysator sein, den viele Unternehmen brauchen, um die notwendigen Veränderungen anzustoßen.

Fazit: Handeln Sie jetzt, nicht nach dem Knall

"The Coming Wave" ist mehr als ein Buch über Technologie. Es ist ein Weckruf für alle, die mit Cybersecurity und Risikomanagement zu tun haben. Die Botschaft ist eindeutig: Die Zeit für inkrementelle Verbesserungen ist vorbei. Wir brauchen einen fundamentalen Paradigmenwechsel in der Art, wie wir über Sicherheit denken und sie implementieren.

Die gute Nachricht: Es ist noch nicht zu spät. Unternehmen, die jetzt handeln, können sich positionieren, bevor die nächste Welle zuschlägt. Die Frage ist nicht mehr, ob diese Welle kommt, sondern nur noch, ob Sie darauf vorbereitet sind, wenn sie anrollt.

Beginnen Sie heute. Überprüfen Sie Ihre Sicherheitsarchitektur kritisch. Investieren Sie in präventive Maßnahmen. Bauen Sie Resilienz auf. Denn in einer Welt, in der Angreifer KI-gestützte Werkzeuge einsetzen, ist "gut genug" nicht mehr gut genug.

Die Welle kommt. Die Frage ist: Sind Sie bereit?