Mut statt Bedenken: Warum Deutschland mehr Gründermut braucht

Die Geschichte vom Schneider von Ulm: Eine Lektion in deutschem Gründergeist
Es gibt Geschichten, die über 200 Jahre alt sind und doch erschreckend aktuell klingen. Die Geschichte von Albrecht Berblinger, dem berühmten Schneider von Ulm, ist eine davon. Sie erzählt nicht nur von einem gescheiterten Flugversuch im Jahr 1811, sondern von etwas viel Grundsätzlicherem: von unserer Kultur des Zweifels, der Vorsicht und der heimlichen Schadenfreude, wenn jemand scheitert.
Der historische Moment: Als ein Schneider fliegen wollte
Stellen Sie sich vor: Ein einfacher Schneider aus Ulm steht 1811 an der Donau. Er hat einen Flugapparat konstruiert, eine technische Sensation für seine Zeit. Unten am Ufer versammelt sich die Menge. Die Obrigkeit ist da, die Bürger, die Nachbarn. Doch statt Unterstützung und Daumendrücken herrscht eine andere Stimmung: Man will Gewissheit. Viele hoffen insgeheim, dass das Experiment schiefgeht.
Als Berblinger aufgrund ungünstiger Windverhältnisse tatsächlich in die Donau stürzt, ist das Gelächter groß. Der Schneider wird zum Gespött der Stadt. Seine Karriere ist ruiniert.
Das wirklich Tragische an dieser Geschichte: Heutige Analysen zeigen, dass sein Fluggerät grundsätzlich flugfähig war. Die Bedingungen an jenem Tag, der Ort, der Moment – all das war ungünstig. Unter anderen Umständen hätte sein Versuch gelingen können.
Die Mentalität am Ufer: Deutschlands Bedenkenträger-Kultur
Warum wir lieber Recht haben als zu fliegen
Die Geschichte Berblingers ist mehr als eine historische Anekdote. Sie beschreibt ein kulturelles Muster, das bis heute in Deutschland wirksam ist. Wenn jemand das sichere Ufer verlässt, wenn jemand Titel, Status und Sicherheit gegen eine eigene Vision tauscht, dann setzt ein Reflex ein:
- Wir suchen instinktiv nach Gründen, warum etwas nicht funktionieren kann
- Wir warnen vor Risiken, statt Chancen zu erkennen
- Wir sagen bei Schwierigkeiten schnell: "Habe ich doch gleich gesagt"
Diese Mentalität ist tief in unserer Kultur verwurzelt. Sie zeigt sich im Bekanntenkreis, in der Familie, in Medienberichten über gescheiterte Startups. Die Menge am Ufer steht sicher und komfortabel. Doch Innovation entsteht nicht am Ufer.
Der Preis der Sicherheit
Sicherheit ist ein hohes Gut in Deutschland. Das ist grundsätzlich nichts Schlechtes. Doch wenn Sicherheitsdenken zum dominanten Paradigma wird, zahlen wir einen hohen Preis:
Verlorene Innovation: Wie viele gute Ideen wurden nie umgesetzt, weil die Bedenken zu laut waren?
Gebremste Talente: Wie viele kluge Köpfe haben ihre Visionen aufgegeben, weil das Umfeld zu skeptisch war?
Wirtschaftliche Stagnation: Wie viele Unternehmen wurden nie gegründet, weil das Risiko als zu groß erschien?
Die Statistiken sprechen eine klare Sprache: Deutschland hinkt bei Unternehmensgründungen im internationalen Vergleich deutlich hinterher. Nicht, weil es an Ideen oder Talenten mangelt, sondern weil es an einer Kultur des Mutes fehlt.
Fliegen lernt man nur im Versuch: Plädoyer für mehr Risikobereitschaft
Was wir von Gründern lernen können
Wer eine sichere Position in einer großen Organisation aufgibt, wer den Schritt in die Selbstständigkeit wagt, wer ein Startup gründet, der macht eine fundamentale Erfahrung: Der Sprung ins Ungewisse ist lehrreicher als jahrelanges Absichern am Ufer.
Dabei geht es nicht um Leichtsinn oder blindes Risiko. Es geht um:
- Kalkulierte Risikobereitschaft: Das Wissen, dass Scheitern möglich ist, aber nicht das Ende bedeutet
- Lernorientierung: Jeder Fehler ist eine Lektion, kein Versagen
- Visionäre Kraft: Das Festhalten an einer Idee, auch wenn andere skeptisch sind
- Resilienz: Die Fähigkeit, nach Rückschlägen wieder aufzustehen
Die neue Generation von Gründern
Erfreulich ist: Eine neue Generation von Unternehmern in Deutschland zeigt, dass es auch anders geht. Sie lassen sich nicht von Bedenkenträgern bremsen. Sie nutzen digitale Möglichkeiten, internationale Netzwerke und moderne Finanzierungsformen.
Diese Gründer verstehen: Innovation entsteht nicht durch Absicherung, sondern durch Mut zum Risiko.
Praktische Handlungsempfehlungen: Vom Ufer ins Wasser
Für angehende Gründer
Wenn Sie an der Kante stehen und mit dem Gedanken spielen, den Sprung zu wagen:
- Warten Sie nicht auf Applaus: Die Zustimmung der Menge am Ufer werden Sie nie vollständig bekommen. Gehen Sie trotzdem.
- Umgeben Sie sich mit Mitfliegern: Suchen Sie Menschen, die selbst gesprungen sind, nicht jene, die sicher am Ufer stehen.
- Definieren Sie Erfolg neu: Erfolg ist nicht, nie zu scheitern. Erfolg ist, es versucht zu haben.
- Bereiten Sie sich vor, aber nicht ewig: Perfektion ist der Feind des Guten. Irgendwann muss der Sprung gewagt werden.
- Lernen Sie schwimmen: Wenn Sie ins Wasser fallen wie Berblinger, haben Sie einen Plan B und die Fähigkeit, sich über Wasser zu halten.
Für Organisationen und Führungskräfte
Auch etablierte Unternehmen können von dieser Mentalität profitieren:
- Fehlerkultur etablieren: Machen Sie Scheitern zu einer Lernchance, nicht zu einem Makel
- Intrapreneur-Programme: Ermöglichen Sie Mitarbeitern, unternehmerisch zu denken und zu handeln
- Mut vorleben: Führungskräfte müssen selbst Risiken eingehen und darüber sprechen
- Bedenkenträger identifizieren: Nicht jede kritische Stimme ist wertvoll. Unterscheiden Sie zwischen konstruktiver Kritik und destruktiver Blockade
Für die Gesellschaft
Wir alle können zu einer Kultur des Mutes beitragen:
- Feiern Sie den Versuch, nicht nur den Erfolg
- Unterstützen Sie Gründer in Ihrem Umfeld
- Hinterfragen Sie Ihre eigenen Bedenken: Sind sie konstruktiv oder nur Ausdruck von Neid oder Angst?
- Erzählen Sie Geschichten von mutigen Menschen, nicht nur von deren Scheitern
Fazit: Besser nass als nie gesprungen
Die Geschichte des Schneiders von Ulm lehrt uns eine wichtige Lektion: Es ist besser, nass zu werden, als sein Leben lang nur am Ufer zu stehen und anderen beim Fliegen zuzuschauen.
Deutschland braucht nicht mehr Bedenkenträger. Wir haben bereits genug davon. Was wir brauchen, sind mehr Menschen, die sich trauen zu springen, auch wenn die Wahrscheinlichkeit vielleicht dagegen spricht. Denn nur so entstehen Innovation, Fortschritt und echte Veränderung.
Die Menge am Ufer wird immer da sein. Sie wird tuscheln, zweifeln, warnen. Doch diese Menge wird auch nie fliegen. Sie wird nie die Freiheit, den Nervenkitzel und die Erfüllung erleben, die darin liegt, eine eigene Vision zu verfolgen.
Wenn Sie gerade an der Kante stehen und zögern: Gehen Sie den Schritt. Die Zukunft gehört nicht denen, die sicher am Ufer stehen, sondern denen, die den Mut haben, abzuheben.
Ihre Erfahrungen
Welcher "gut gemeinte" Ratschlag hat Sie in Ihrer Karriere am meisten gebremst? Wie sind Sie damit umgegangen? Teilen Sie Ihre Geschichte und ermutigen Sie andere, ebenfalls den Sprung zu wagen. Denn jede geteilte Erfahrung macht es der nächsten Person ein wenig leichter, vom Ufer abzustoßen.
