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KI-Haftung im Mittelstand: Governance statt Kontrolle

Alexander Busse·13. Januar 2026
KI-Haftung im Mittelstand: Governance statt Kontrolle

KI-Haftung im Mittelstand: Warum Governance die neue Kontrolle ist

In deutschen Geschäftsführungen erlebe ich derzeit eine wiederkehrende Sorge: "Wenn wir KI einsetzen, verliere ich die Kontrolle über kritische Prozesse. Und am Ende hafte ich persönlich für Fehler, die eine Maschine gemacht hat."

Diese Befürchtung klingt auf den ersten Blick nachvollziehbar. Doch sie basiert auf einem fundamentalen Missverständnis darüber, was Kontrolle in modernen Geschäftsprozessen wirklich bedeutet.

Die unbequeme Wahrheit über manuelle Kontrolle

Wer KI-gestützte Automatisierung verhindert, gewinnt nicht mehr Kontrolle. Er bekommt nur weniger Transparenz. Denn echte Kontrolle entsteht nicht dadurch, dass Menschen jeden einzelnen Vorgang manuell bearbeiten und abzeichnen.

Echte Kontrolle entsteht durch Governance: klare Entscheidungsrechte, definierte Limits, strukturierte Freigabeprozesse und einen lückenlosen Audit-Trail, der jederzeit prüfbar ist.

Das Problem bei rein manuellen Prozessen? Sie sind häufig:

  • Intransparent: Wer hat warum welche Entscheidung getroffen?
  • Inkonsistent: Gleiche Sachverhalte werden unterschiedlich behandelt
  • Undokumentiert: Bauchentscheidungen hinterlassen keine Prüfspur
  • Nicht skalierbar: Je mehr Fälle, desto größer der Flaschenhals

Praxisbeispiel: Agentisches Credit Management

Lassen Sie mich das an einem konkreten Beispiel aus dem Credit Management verdeutlichen, das vielen mittelständischen Unternehmen bekannt vorkommen dürfte.

Ausgangssituation: Ein langjähriger Kunde bestellt wie gewohnt. Doch im System zeigen sich Warnsignale:

  • Das Zahlungsziel wurde von 30 auf 90 Tage verlängert
  • Die offenen Außenstände sind in den letzten Wochen deutlich gestiegen
  • Die Zahlungsmoral hat sich verschlechtert

Der traditionelle Weg: Diese Informationen liegen in verschiedenen Systemen verstreut. Vielleicht bemerkt jemand die Veränderung, vielleicht nicht. Eine einheitliche Bewertung fehlt. Die Entscheidung trifft am Ende die Geschäftsführung, oft unter Zeitdruck und ohne vollständige Datenbasis.

Der governance-basierte KI-Weg: Ein agentischer Workflow erkennt die Abweichung automatisch und startet ein vordefiniertes Playbook:

1. Automatischer Limit-Check

Das System führt eine Risiko-Klassifizierung auf Basis definierter Kriterien durch:

  • Aktuelle Bonität des Kunden
  • Historisches Zahlungsverhalten
  • Offene Forderungen im Verhältnis zum Kreditlimit
  • Branchenspezifische Risikofaktoren

Alle verwendeten Daten und Bewertungskriterien werden dokumentiert.

2. Intelligente Eskalation

Je nach Schweregrad erfolgt eine automatische Information an die relevanten Abteilungen:

  • Bei geringem Risiko: Monitoring ohne Eskalation
  • Bei mittlerem Risiko: Information an Vertrieb und Finance
  • Bei hohem Risiko: Sofortige Eskalation an die Geschäftsführung mit vollständiger Datengrundlage

Die Schwellenwerte sind vorab definiert und transparent.

3. Vollständige Auditability

Jeder Schritt ist revisionssicher dokumentiert:

  • Welche Datenbasis wurde verwendet?
  • Welche Bewertungskriterien kamen zum Einsatz?
  • Welche Entscheidung wurde getroffen?
  • Wer hat wann was veranlasst?

Diese Dokumentation ist lückenlos und erfüllt höchste Compliance-Anforderungen.

Wo sollte Führung ihre Zeit investieren?

Stellen Sie sich als Geschäftsführer die ehrliche Frage:

Wollen Sie Ihre Zeit verwenden auf:

  • Das Mikromanagement der Datensammlung aus verschiedenen Systemen?
  • Das manuelle Prüfen von Routinefällen, die klaren Regeln folgen?
  • Das Nachvollziehen von Einzelentscheidungen ohne strukturierte Dokumentation?

Oder lieber auf:

  • Die Entscheidung in echten Ausnahmefällen, die sauber vorbereitet sind?
  • Die strategische Weiterentwicklung Ihrer Governance-Strukturen?
  • Die Überprüfung und Optimierung Ihrer Entscheidungsregeln?

Der Unterschied zwischen Routine und Ausnahme

Seien wir ehrlich: Viele sogenannte "Bauchentscheidungen" sind in Wahrheit Routineentscheidungen nach bekannten Mustern. Sie basieren auf Erfahrungswerten, die sich durchaus in Regeln übersetzen lassen.

Und genau diese Routine gehört in einen klaren Regelbetrieb, nicht auf den Schreibtisch der Geschäftsführung. Das ist keine Kontrollverlust, sondern die Voraussetzung für echte strategische Führung.

Die Haftungsfrage neu denken

Zurück zur ursprünglichen Sorge um die Haftung: Wofür haften Sie als Geschäftsführer tatsächlich?

Nicht dafür, dass Sie jeden einzelnen Vorgang persönlich bearbeiten. Das wäre bei wachsenden Unternehmen schlicht unmöglich.

Sondern dafür, dass Sie:

  • Angemessene Prozesse etabliert haben
  • Klare Verantwortlichkeiten definiert haben
  • Wirksame Kontrollen implementiert haben
  • Risiken erkannt und begrenzt haben

Genau das leistet eine gut aufgesetzte KI-Governance. Sie schafft mehr Rechtssicherheit, nicht weniger.

Konkrete Automatisierungspotenziale im Mittelstand

Wo liegen die größten Chancen für governance-basierte Automatisierung in mittelständischen Unternehmen?

A) Kreditlimits und Zahlungsziele: Automatische Risikobewertung auf Basis aktueller Daten, mit klaren Eskalationsregeln bei Überschreitung definierter Schwellen.

B) Zahlungsfreigaben: Intelligente Workflows mit automatischer Prüfung gegen Budgets, Verträge und Berechtigungen. Nur Ausnahmen landen beim Menschen.

C) Rabatt- und Konditionsgrenzen: Regelbasierte Genehmigungen innerhalb definierter Korridore, mit automatischer Eskalation bei Abweichungen.

D) Lieferantenanlage: Automatisierte Compliance-Prüfungen, Bonitätschecks und Datenvalidierung vor menschlicher Freigabe.

E) Vertragsklauseln: KI-gestützte Prüfung auf Standard-Abweichungen und Risiken, mit strukturierter Vorlage für juristische Bewertung.

Fazit: Kontrolle durch Transparenz

Die Angst vor Kontrollverlust durch KI ist verständlich, aber fehlgeleitet. Wahre Kontrolle in komplexen Geschäftsprozessen entsteht nicht durch manuelle Bearbeitung, sondern durch:

  • Klare Regeln statt Bauchentscheidungen
  • Transparente Prozesse statt undokumentierter Abläufe
  • Strukturierte Eskalation statt Flaschenhälse
  • Lückenlose Dokumentation statt Revisionslücken

KI ist kein Risiko für Ihre Kontrolle. Sie ist das Werkzeug, um Kontrolle endlich skalierbar, nachvollziehbar und prüfbar zu machen.

Die Frage ist nicht, ob Sie sich KI leisten können. Die Frage ist, ob Sie sich leisten können, auf diese Form der professionellen Governance zu verzichten.

Wie gehen Sie in Ihrem Unternehmen mit diesem Thema um? Wo sehen Sie die größten Automatisierungspotenziale?