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Incident Response: Wer entscheidet im Ernstfall?

Alexander Busse·3. Februar 2026
Incident Response: Wer entscheidet im Ernstfall?

Incident Response im Mittelstand: Das unterschätzte Führungsproblem

Ein Cyberangriff wird erkannt. Die Systeme sind kompromittiert. Jede Minute zählt. Doch statt schneller Reaktion herrscht Unsicherheit: Wer darf jetzt eigentlich entscheiden? Wer hat die Befugnis, Systeme abzuschalten? Wer informiert die Geschäftsführung, Kunden oder Behörden?

Diese Situation ist in deutschen mittelständischen Unternehmen häufiger als gedacht. Während Millionen in IT-Sicherheitstechnologie investiert werden, bleibt eine entscheidende Frage ungeklärt: Wer trägt im Ernstfall die Verantwortung für welche Entscheidung?

Warum technische Lösungen allein nicht ausreichen

Viele Unternehmen setzen auf moderne Firewalls, Endpoint-Detection-Systeme und SIEM-Lösungen. Die technische Infrastruktur ist oft beeindruckend. Doch wenn der Ernstfall eintritt, offenbart sich eine kritische Schwachstelle: fehlende Governance-Strukturen.

Das Problem liegt nicht in der IT-Abteilung. Es liegt im Führungsverständnis. Ein Sicherheitsvorfall ist kein rein technisches Ereignis, sondern eine unternehmenskritische Krisensituation, die schnelle, koordinierte Entscheidungen auf verschiedenen Ebenen erfordert.

Die fünf kritischen Entscheidungspunkte

Bei jedem Sicherheitsvorfall müssen bestimmte Kernfragen sofort beantwortet werden können:

1. Systemabschaltung und Isolation

Wer hat die Befugnis, produktive Systeme herunterzufahren? Diese Entscheidung kann Produktionsausfälle bedeuten, aber auch die Ausbreitung einer Ransomware verhindern. Die Verantwortung muss klar definiert sein, idealerweise mit Eskalationsstufen je nach Kritikalität der betroffenen Systeme.

2. Externe Kommunikation

Kunden, Geschäftspartner, Behörden und möglicherweise die Öffentlichkeit müssen informiert werden. Nach DSGVO besteht bei Datenschutzverletzungen sogar eine Meldepflicht innerhalb von 72 Stunden. Wer darf was kommunizieren? Wer spricht mit der Presse? Diese Fragen müssen vorab geklärt sein, nicht im Krisenmodus.

3. Beauftragung externer Expertise

Forensik-Teams, spezialisierte Incident-Response-Dienstleister oder Krisenkommunikationsexperten können notwendig sein. Doch wer darf diese beauftragen? Bis zu welchem Budget? Wer wählt den Dienstleister aus? Diese Entscheidungen brauchen schnelle Wege ohne langwierige Freigabeprozesse.

4. Versicherung und rechtliche Schritte

Cyber-Versicherungen müssen unverzüglich informiert werden, oft gibt es strikte Meldefristen. Gleichzeitig können rechtliche Schritte notwendig sein. Wer koordiniert diese Maßnahmen? Wer ist Ansprechpartner für Versicherer und Anwälte?

5. Geschäftsfortführung und Wiederherstellung

Welche Systeme haben Priorität bei der Wiederherstellung? Welche Geschäftsprozesse müssen zuerst wieder funktionieren? Diese Entscheidungen erfordern sowohl technisches als auch betriebswirtschaftliches Verständnis.

Das Playbook: Ihr Notfallplan für den Ernstfall

Ein Incident Response Playbook ist mehr als eine technische Anleitung. Es ist ein Führungsinstrument, das klare Verantwortlichkeiten, Entscheidungswege und Handlungsanweisungen definiert.

Was gehört in ein wirksames Playbook?

Klare Rollenverteilung: Benennen Sie konkrete Personen mit Vertretungsregelungen. "Die IT" oder "die Geschäftsführung" sind keine ausreichenden Verantwortlichkeiten.

Entscheidungsbefugnisse: Definieren Sie explizit, wer welche Entscheidungen treffen darf, idealerweise in einer Matrix nach Kritikalität und Auswirkung.

Kommunikationswege: Erstellen Sie Kontaktlisten mit Erreichbarkeiten rund um die Uhr, inklusive Mobilnummern und privater Kontaktdaten für den Notfall.

Budgetfreigaben: Legen Sie fest, bis zu welchen Beträgen ohne Rücksprache externe Hilfe beauftragt werden darf.

Vorbereitete Kommunikationsvorlagen: Halten Sie Mustervorlagen für Kunden-, Behörden- und Mitarbeiterkommunikation vor.

Warum das jetzt wichtig ist, nicht später

Die Zahlen sprechen für sich: Laut BSI-Lagebericht erreicht die Bedrohung durch Cyberkriminalität in Deutschland ein neues Rekordhoch. Mittelständische Unternehmen sind zunehmend im Fokus, da sie oft wertvolle Daten haben, aber weniger geschützt sind als Großkonzerne.

Im Krisenfall ist keine Zeit für grundsätzliche Diskussionen. Wenn die Systeme ausfallen, müssen alle Beteiligten wissen, was zu tun ist. Jede Minute Verzögerung kann den Schaden vergrößern, sowohl finanziell als auch reputativ.

Compliance und rechtliche Anforderungen

Für viele Unternehmen sind klare Incident-Response-Prozesse mittlerweile auch eine Compliance-Anforderung. NIS2, DSGVO und branchenspezifische Regelungen fordern dokumentierte Prozesse und definierte Verantwortlichkeiten.

Praktische Schritte zur Umsetzung

Wie kommen Sie von der Erkenntnis zur Umsetzung?

1. Workshop mit Führungsebene: Sensibilisieren Sie Geschäftsführung und Abteilungsleiter für das Thema. Ein Incident Response Plan ist Chefsache.

2. Risikoanalyse: Identifizieren Sie Ihre kritischen Systeme und wahrscheinlichsten Bedrohungsszenarien.

3. Rollen definieren: Legen Sie fest, wer im Krisenteam welche Rolle übernimmt. Etablieren Sie ein Incident Response Team mit klarer Führungsstruktur.

4. Playbook erstellen: Dokumentieren Sie Entscheidungswege, Verantwortlichkeiten und Handlungsanweisungen schriftlich.

5. Regelmäßige Tests: Führen Sie mindestens jährlich Übungen durch. Nur so stellen Sie sicher, dass im Ernstfall alle wissen, was zu tun ist.

6. Kontinuierliche Anpassung: Ihr Playbook muss mit Ihrem Unternehmen wachsen und sich an neue Bedrohungen anpassen.

Fazit: Führung zeigt sich in der Krise

Ein Sicherheitsvorfall testet nicht nur Ihre IT-Systeme, sondern vor allem Ihre Führungsstrukturen. Unternehmen, die vorausschauend klare Verantwortlichkeiten definiert haben, bewältigen Krisen schneller, kostengünstiger und mit weniger Reputationsschaden.

Die Frage ist nicht, ob ein Sicherheitsvorfall passiert, sondern wann. Bereiten Sie Ihr Unternehmen jetzt vor. Ein Incident Response Playbook ist keine Pflichtübung für die Schublade, sondern ein strategisches Führungsinstrument.

Starten Sie heute: Prüfen Sie, ob in Ihrem Unternehmen schriftlich fixiert ist, wer bei einem Sicherheitsvorfall welche Entscheidungen treffen darf. Wenn nicht, machen Sie dieses Thema zur Priorität in Ihrem nächsten Führungsmeeting.

Denn im Ernstfall entscheidet nicht die beste Technologie über den Ausgang der Krise, sondern die klarste Führung.