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Cybersecurity-Tool-Chaos im Mittelstand: Der prozessgetriebene Weg

Alexander Busse·30. Oktober 2025
Cybersecurity-Tool-Chaos im Mittelstand: Der prozessgetriebene Weg

Die Cybersecurity-Krise im deutschen Mittelstand: Zu viele Tools, zu wenig Strategie

"95 Prozent des Marktes sind Bullshit. Die größte Herausforderung ist, die Spreu vom Weizen zu trennen." Diese drastischen Worte eines IT-Leiters aus dem Maschinenbau, zitiert im SchwarzDigits Cybersecurity Report 2025, bringen eine fundamentale Problematik auf den Punkt, die derzeit den deutschen Mittelstand lähmt.

Ein CISO aus dem Energiesektor ergänzt: "Es ist ein Labyrinth. Jeder hat eine Lösung für ein Problem, das wir noch gar nicht identifiziert haben."

Diese Aussagen sind keine Einzelmeinungen. Sie spiegeln eine systemische Herausforderung wider, die Unternehmen jeder Größe betrifft: Der Cybersecurity-Markt ist übersättigt mit Tools, während echte Lösungen Mangelware sind.

Das Problem: Tool-Wildwuchs statt strategischer Sicherheit

Die Symptome des Tool-Chaos

Mittelständische Unternehmen stehen heute vor einer paradoxen Situation. Während die Bedrohungslage durch Cyberangriffe sich kontinuierlich verschärft und regulatorische Anforderungen wie NIS2 zusätzlichen Druck aufbauen, wächst gleichzeitig die Verwirrung über die richtigen Sicherheitsmaßnahmen.

Der Markt wird überschwemmt von:

  • Hunderten von Security-Tools, die jeweils bestimmte Teilaspekte abdecken
  • Widersprüchlichen Versprechen von Anbietern, die "die ultimative Lösung" verkaufen
  • Komplexen Integrationsanforderungen, die IT-Teams überfordern
  • Hohen Lizenzkosten ohne erkennbaren Mehrwert

Das Ergebnis? Viele Unternehmen investieren in Tools, die sie weder vollständig verstehen noch effektiv nutzen können. Statt mehr Sicherheit entsteht mehr Komplexität.

Die versteckten Kosten des Tool-Denkens

Der toolgetriebene Ansatz verursacht nicht nur direkte Lizenzkosten. Die indirekten Kosten sind oft noch gravierender:

  • Integrationsprobleme: Verschiedene Tools kommunizieren nicht miteinander
  • Schulungsaufwand: Jedes neue Tool erfordert Einarbeitung
  • Datensilos: Sicherheitsrelevante Informationen bleiben fragmentiert
  • Fehlende Gesamtsicht: Niemand hat einen Überblick über die tatsächliche Sicherheitslage
  • Audit-Probleme: Nachweise für Compliance werden zum administrativen Alptraum

Die Lösung: Prozess statt Tool

Warum ein Paradigmenwechsel notwendig ist

Die fundamentale Erkenntnis lautet: Cybersecurity ist kein Produkt, sondern ein Managementprozess. Tools sind lediglich unterstützende Instrumente, nie der Ausgangspunkt.

Ein prozessgetriebener Ansatz bedeutet:

1. Start bei den Geschäftsprozessen

Bevor auch nur ein einziges Tool evaluiert wird, müssen die fundamentalen Fragen beantwortet werden:

  • Welche Geschäftsprozesse sind kritisch für unser Unternehmen?
  • Welche Informationen und Systeme sind wirklich schützenswert?
  • Wo liegen unsere größten Verwundbarkeiten?
  • Welche regulatorischen Anforderungen müssen wir erfüllen?

2. Transparente Risiken und Verantwortlichkeiten

Ein funktionierendes Cybersecurity-Management erfordert Klarheit:

  • Wer ist wofür verantwortlich?
  • Welche Risiken haben wir identifiziert?
  • Wie priorisieren wir Maßnahmen?
  • Wie messen wir den Erfolg?

Diese Transparenz lässt sich nicht durch Tools erkaufen. Sie erfordert strukturierte Prozesse und klare Governance.

3. Integration statt Addition

Statt neue Tools hinzuzufügen, sollte der Fokus auf der intelligenten Nutzung bestehender Systeme liegen:

  • Welche Tools haben wir bereits im Einsatz?
  • Welche Funktionen nutzen wir nicht vollständig?
  • Wo können vorhandene Systeme besser integriert werden?
  • Welche Lücken bleiben tatsächlich offen?

Die Vorteile des prozessgetriebenen Ansatzes

Messbare Effizienzgewinne

Ein strukturierter, prozessorientierter Ansatz bietet konkrete Vorteile:

  • Halbierte Implementierungszeit: Statt monatelanger Tool-Evaluierung und Integration erfolgt die Umsetzung fokussiert und zielgerichtet
  • Reduzierte Kosten: Bestehende Investitionen werden optimal genutzt, unnötige Neuanschaffungen vermieden
  • Verbesserte Compliance: NIS2-Anforderungen werden systematisch erfüllt, Audits verlaufen reibungslos
  • Höhere Akzeptanz: Mitarbeiter verstehen den Sinn der Maßnahmen, statt nur weitere Tools zu bedienen

Steuerbarkeit und Messbarkeit

Ein prozessgetriebenes Cybersecurity-Management schafft:

  • KPIs und Metriken, die tatsächlich relevant sind
  • Dashboards, die Entscheidern echte Einblicke geben
  • Reportings, die Audit-fest und nachvollziehbar sind
  • Kontinuierliche Verbesserung durch strukturierte Review-Prozesse

NIS2: Die Notwendigkeit wird zur Chance

Die regulatorischen Anforderungen nutzen

Die NIS2-Richtlinie verschärft die Anforderungen an Cybersecurity erheblich. Doch dieser Druck kann zum Katalysator für positive Veränderung werden.

Statt NIS2 als lästige Pflicht zu betrachten, sollten Unternehmen die Gelegenheit nutzen:

  • Bestehende Prozesse zu hinterfragen
  • Governance-Strukturen zu modernisieren
  • Cybersecurity als strategisches Thema zu etablieren
  • Verantwortlichkeiten klar zu definieren

Der Quick Check als Einstieg

Ein NIS2-Readiness Quick Check bietet Unternehmen einen strukturierten Einstieg:

  • Wo stehen wir aktuell?
  • Welche Lücken bestehen zu den Anforderungen?
  • Welche Maßnahmen haben Priorität?
  • Wie gestalten wir den Umsetzungspfad?

Praktische Handlungsempfehlungen für den Mittelstand

Schritt 1: Bestandsaufnahme

Beginnen Sie mit einer ehrlichen Bestandsaufnahme:

  • Inventarisieren Sie alle vorhandenen Security-Tools
  • Bewerten Sie deren tatsächlichen Nutzen und Nutzungsgrad
  • Identifizieren Sie Redundanzen und Lücken
  • Dokumentieren Sie bestehende Prozesse (oder deren Fehlen)

Schritt 2: Prozesse definieren

Entwickeln Sie klare Cybersecurity-Prozesse:

  • Risk Assessment: Wie identifizieren und bewerten Sie Risiken?
  • Incident Response: Wie reagieren Sie auf Sicherheitsvorfälle?
  • Access Management: Wie steuern Sie Zugriffsrechte?
  • Compliance Monitoring: Wie stellen Sie kontinuierliche Konformität sicher?

Schritt 3: Verantwortlichkeiten klären

Etablieren Sie eindeutige Zuständigkeiten:

  • Wer trägt die Gesamtverantwortung für Cybersecurity?
  • Welche Rollen und Aufgaben müssen definiert werden?
  • Wie werden Entscheidungen getroffen und dokumentiert?
  • Welche Eskalationswege existieren?

Schritt 4: Tools sinnvoll einsetzen

Erst jetzt kommt die Tool-Frage:

  • Welche Tools unterstützen die definierten Prozesse optimal?
  • Können bestehende Tools besser konfiguriert werden?
  • Wo sind gezielte Ergänzungen wirklich notwendig?
  • Wie stellen wir Integration und Interoperabilität sicher?

Fazit: Vom Tool-Chaos zur strategischen Cyber-Resilienz

Die Zitate aus dem SchwarzDigits Cybersecurity Report 2025 sind ein Weckruf. Der Cybersecurity-Markt ist übersättigt mit Lösungen, die oft mehr Probleme schaffen als lösen. Der Mittelstand braucht keinen weiteren Tool-Zoo, sondern strategisches Cybersecurity-Management.

Ein prozessgetriebener Ansatz ist der Schlüssel:

  • Er beginnt bei den Geschäftsprozessen, nicht bei Tools
  • Er schafft Transparenz über Risiken und Verantwortlichkeiten
  • Er nutzt bestehende Ressourcen intelligent
  • Er macht Cybersecurity messbar, steuerbar und audit-fest

Die Zeit ist reif für diesen Paradigmenwechsel. NIS2 und die zunehmende Bedrohungslage lassen keine andere Wahl. Unternehmen, die jetzt handeln und Cybersecurity als strategischen Managementprozess etablieren, sichern sich einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil.

Die Frage ist nicht, ob Sie handeln werden, sondern wann. Je früher Sie vom Tool-Denken zum Prozess-Denken wechseln, desto schneller erreichen Sie echte Cyber-Resilienz.

Sind Sie bereit, das Tool-Chaos zu beenden und Cybersecurity strategisch anzugehen? Wie erleben Sie die Herausforderungen in Ihrem Unternehmen? Der Austausch mit anderen Entscheidern zeigt: Sie sind nicht allein mit diesen Herausforderungen. Gemeinsam können wir den Weg zu effektiver Cybersecurity ebnen.